13.06.2026 | Stefan Lesser

Tierversuche zwischen Forschung und Ethik – Dr. Eva Rath von der TU München zu Gast im Ethik-LK

Wie weit darf Forschung gehen, wenn sie dem medizinischen Fortschritt dient? Und welche Verantwortung tragen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gegenüber Versuchstieren? Mit diesen Fragen beschäftigte sich der Ethik-Leistungskurs von Stefan Lesser bei einem Gastvortrag von Dr. Eva Rath von der Technischen Universität München (TUM).

Unter dem Titel „Tierversuche – ethisch vertretbar und wissenschaftlich sinnvoll?“ gab die Wissenschaftlerin Einblicke in ihre Forschung zu chronisch entzündlichen Darmerkrankungen. Dabei zeigte sie, wie Tierversuche dazu beitragen können, Krankheitsmechanismen besser zu verstehen und neue Therapien zu entwickeln. Gleichzeitig stellte sie moderne Alternativen wie Organoide vor – im Labor gezüchtete Mini-Organe, die in vielen Bereichen bereits Tierversuche ersetzen können.

Im Mittelpunkt des Besuchs stand jedoch der Austausch mit den Schülerinnen und Schülern. Besonders intensiv diskutierten sie die Frage, ob das Leid von Versuchstieren durch mögliche medizinische Fortschritte gerechtfertigt werden kann. Dabei ging es unter anderem darum, ob der Nutzen für schwerkranke Menschen moralisch höher zu bewerten ist als der Schutz von Tieren und ob es ethisch vertretbar ist, Tiere für Forschungszwecke zu töten. Frau Dr. Rath beantwortete dabei offen auch kritische Fragen und berichtete von ihrer persönlichen Motivation für die Forschung, die unter anderem durch die Erkrankung ihrer Schwester an Morbus Crohn geprägt wurde.

Deutlich wurde, dass Tierversuche in Deutschland strengen gesetzlichen Vorgaben unterliegen und ihr Einsatz kontinuierlich überprüft wird. Gleichzeitig erläuterte Dr. Rath das sogenannte 3R-Prinzip: Tierversuche sollen ersetzt, die Zahl der eingesetzten Tiere reduziert und die Versuchsbedingungen verbessert werden. Neue Methoden eröffnen dabei zunehmend Möglichkeiten für eine tierversuchsärmere Forschung.

Die Schülerinnen und Schüler nutzten die Gelegenheit intensiv, um unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen und eigene Positionen zu hinterfragen. Im Gespräch wurde deutlich, dass sich die ethische Bewertung von Tierversuchen nicht auf einfache Ja-oder-Nein-Antworten reduzieren lässt. Diskutiert wurde, ob das Wohl einzelner Tiere zugunsten möglicher Heilungschancen für viele Menschen eingeschränkt werden darf und welche Grenzen dabei keinesfalls überschritten werden sollten.

So wurde der Vortrag nicht nur zu einem Einblick in aktuelle Forschung, sondern auch zu einer lebendigen Auseinandersetzung mit grundlegenden ethischen Fragen: Darf menschliches Leid gegen tierisches Leid abgewogen werden? Gibt es Forschungsvorhaben, die unabhängig vom möglichen Nutzen moralisch nicht vertretbar sind? Und welche Verantwortung trägt die Gesellschaft bei der Entscheidung über solche Fragen? Gerade die Spannung zwischen dem Schutz von Tieren und dem Wunsch, Krankheiten besser behandeln zu können, machte deutlich, warum Tierversuche bis heute zu den umstrittensten Themen der angewandten Ethik gehören.