16.04.2026 | Frank Stühler

Goetheschule übernimmt Patenschaft für Stolpersteine

Der Himmel über Wetzlar war grau an diesem Montagvormittag, leichter Regen fiel. Das Wetter schien sich dem Anlass angemessen zu zeigen, aus dem sich zahlreiche Wetzlarerinnen und Wetzlarer am Eingang der Bahnhofstraße versammelt hatten. Sie nahmen hier teil an der Verlegung der ersten sieben von insgesamt 28 Stolpersteinen, um die die Stadt Wetzlar nun reicher ist. Die „Stolpersteine“ sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig, der zur Verlegung persönlich nach Wetzlar gekommen war. Die kleinen Gedenksteine sollen an das Schicksal der Menschen erinnern, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert oder vertrieben wurden. Seit 1992 wurden über 100 000 solcher Gedenksteine in mehr als 30 europäischen Ländern verlegt.

Aktiv beteiligt an der Zeremonie waren auch ehemalige und aktuelle Schülerinnen und Schüler des Leistungskurses Geschichte an der Goetheschule, die die Patenschaft für die Stolpersteine zum Gedenken an die Familie Rosenthal übernommen hat. Charlotte Hellhundt, Jana Roth und Lauri Hartmann informierten die Anwesenden über das Schicksal der sieben Familienmitglieder, an die die Gedenksteine in der Bahnhofstraße erinnern. Dieses reichte von Flucht und Emigration bis zu Deportation und Ermordung.

Hintergrund des Engagements der Goetheschule ist die Projektarbeit des ehemaligen Geschichts-Leistungskurses von Dr. Thorsten Fuchs. Der Kurs hatte sich mit jüdischen Wetzlarer Familien und ehemaligen Goetheschülern während der Zeit des Nationalsozialismus befasst. Dazu gehörte auch die Familie Rosenthal. Die Arbeit der Gruppe hatte im vergangenen Jahr bereits zur Installation einer Gedenktafel an der Goetheschule geführt, die über die ehemaligen Goetheschüler Ernst und Erich Rosenthal sowie Hans Stern informiert.

Für ihre Arbeit wurden die Schülerinnen und Schüler im vergangenen Jahr mit dem Integrationspreis der Stadt Wetzlar ausgezeichnet, das mit der Auszeichnung verbundene Preisgeld verwendeten sie nun zur Übernahme der Patenschaft der Stolpersteine. Diese beinhaltet die Finanzierung der Gedenksteine und deren Verlegung sowie die Übernahme der Pflege der Steine.

Wie bereits zur Enthüllung der Gedenktafel an der Goetheschule war auch diesmal Ted Rosenthal aus den USA zur Verlegung der Stolpersteine nach Wetzlar angereist. Der bekannte amerikanische Jazz-Musiker ist der Sohn des ehemaligen Goetheschülers Erich Rosenthal, der in die USA emigrierte und dort eine erfolgreiche Karriere als Hochschulprofessor absolvierte. Anlässlich der Verlegung der Stolpersteine äußerte Ted Rosenthal einmal mehr seinen Dank auch gegenüber den engagierten Schülerinnen und Schülern der Goetheschule. Durch den intensiven Kontakt, der mit diesen entstand, habe er viel über seinen Vater gelernt.

In Wetzlar fand bereits zum dritten Mal die Verlegung solcher Gedenksteine statt. Wetzlars Oberbürgermeister Manfred Wagner erwähnte besonders die Initiative der Goetheschülerinnen und -schüler, die im Zusammenhang mit ihrer Projektarbeit die Anregung zur Verlegung weiterer Steine gegeben habe. Die Stadt Wetzlar habe dieses gerne aufgegriffen, so Wagner. „Die Stolpersteine sind klein an Gestalt, aber groß in ihrer Wirkung“, sagte der Oberbürgermeister. Sie forderten auf den Kopf zu senken und innezuhalten. Durch sie werde den Opfern ein Stück ihrer Würde zurückgegeben und zugleich die Würde der Gedenkenden gestärkt. Wagner erinnerte auch an die Bedeutung des Grundgesetzes als Gegenentwurf zur Diktatur und Unmenschlichkeit des Nationalsozialismus und sagte: „Die Stadtgesellschaft wächst, wenn sie erinnert und sie wird stärker, wenn sie aus Erinnerung handelt.“